Wer eine Übersetzung ins Arabische beauftragt sollte berücksichtigen, dass Arabisch nicht gleich Arabisch ist. Nicht jeder, der Arabisch spricht, kann auch Arabisch lesen. Wenn jemand es lesen kann, heißt das nicht unbedingt, dass er alle Texte ohne Schwierigkeiten versteht. Das liegt an der arabischen Diglossie.

Mit “Diglossie” bezeichnet man die Zweisprachigkeit innerhalb einer Sprache. In der arabischen Welt bedeutet das: Es gibt einerseits ein schriftliches Hocharabisch, das in allen 22 arabischen Staaten gleich ist. Daneben existieren aber mündliche arabische Dialekte, die nicht geschrieben werden und sich von Land zu Land unterscheiden. Der Unterschied zum Hocharabischen ist groß. Auch im deutschen Sprachraum gibt es z.B. in der deutschsprachigen Schweiz eine Diglossie-Situation.

Hochsprache ist Bildungssprache

Als Kind erlernt der Mensch zunächst mündlich die Sprache seiner Eltern. Arabische Kinder erlernen den Dialekt ihres Umfelds. Auch in Deutschland übernehmen Kinde die Umgangssprache ihrer Umgebung. Allerdings ist der Schritt zur Hochsprache bei deutschen Dialekten längst nicht so groß wie im arabischen Sprachraum. Dort kommen Kinder erst im Schulalter mit dem Hocharabischen in Kontakt. Wie gut jemand Hocharabisch beherrscht, hängt sehr von Qualität und Dauer des Schulbesuchs ab. Zusätzlich verkompliziert die arabischen Schrift die Diglossie-Situation: Korrektes Lesen und Aussprechen arabischer Wörter ist nur mit Beherrschung der arabischen Grammatik möglich.

Das Dilemma des Übersetzers

Als Übersetzer mache ich mir Gedanken über Zielgruppe und Zweck einer Übersetzung. Und hier entsteht ein Dilemma: Übersetzungen sind schriftlich. Schriftliche Texte sind immer Hocharabisch. Wer aber nur einge wenige Jahre eine arabische Schule besucht hat, wird schriftliche arabische Texte nur unzureichend lesen und verstehen können. Viele nach Deutschland geflüchtete Kinder aus Syrien und dem Irak konnten beispielsweise den Schulbesuch im Heimatland nicht vollenden. Andere Migrantenkinder haben nie eine arabische Schule besucht. Sie erlernen im Elternhaus  zwar noch den arabischen Dialekt ihrer Familie, beherrschen aber kein Hocharabisch. Wie erreiche ich als Übersetzer diese Zielgruppe?

Was ist die Lösung?

Eine optimale Lösung gibt es nicht. Es muss im Einzelfall überlegt werden, wo eine arabische Übersetzung als schriftlicher Text sinnvoll ist und was Zweck und Zielgruppe der Übersetzung sind. Zwar kann ich als Übersetzer einiges dafür tun, dass der arabische Text möglichst leicht verständlich ist. Ich kann beispielsweise einen einfachen Satzbau wählen und einzelne Dialekt-Wörter ins Hocharabische integrieren. Letztlich bleibt es aber ein hocharabischer Text.

In manchen Fällen wäre eine mündliche Ansprache der Adressaten die bessere Lösung. Eine Möglichkeit ist es, eine Audio- oder sogar Videoaufzeichnungen im Dialekt zu erstellen. Wo dies nicht möglich ist, muss letztlich ein Dolmetscher hinzugezogen werden.

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