Übersetzungsprojekte mit Arabisch können leicht außer Kontrolle geraten. In diesem dreiteiligen Leitfaden erläutere ich, wie sich die größten Stolperfallen vermeiden lassen. Wenn Sie ein paar Besonderheiten des Arabischen berücksichtigen, können Sie Anfragen aus dem Arabischen oder ins Arabische künftig effizient und zielgerichtet bearbeiten und die daraus resultierenden Projekte erfolgreich managen. In diesem zweiten Teil gehe ich auf arabische Texte aus Messengern und sozialen Medien ein, auf die Transliteration von Eigennamen sowie den Umgang mit arabischen Video- und Audioaufzeichnungen bzw. Transkriptionen.

Texte aus sozialen Medien und Messengern

Immer öfter fragen Kunden die Übersetzung von Social-Media-Postings oder Chatverläufen aus dem Arabischen an. Diese Textsorte stellt eine besondere Herausforderung dar, weil Arabisch in den sozialen Medien oft eine Mischung aus Hochsprache und Dialekt ist und weder für arabische Dialekte noch für die hier entstehenden sprachlichen Mischformen eine einheitliche Schreibweise existiert. Die Folge ist, dass Außenstehende ohne Kontextwissen die Texte oft nicht verstehen oder missverstehen. Hier ist es zum einen wichtig, dass Sie den Kunden über diese Problematik informieren. Zum anderen benötigt der Übersetzer hier noch mehr Kontextwissen als bei der Übersetzung redaktioneller Texte. Im Idealfall – der aber oft nicht praktikabel ist – können Sie einen Kontakt zum Verfasser der Textnachrichten herstellen, um an unklaren Stellen die intendierte Bedeutung zu erfragen.

Die Transliteration von Eigennamen

Arabische Namen in deutschen Urkunden

Ein klassisches Problem bei Übersetzungen aus dem Arabischen ist die Frage der Transliteration: Wie soll der Übersetzer die arabischen Eigenamen (Personen- und Ortsbezeichnungen) mit lateinischen Buchstaben schreiben? Aufgrund der arabischen Konsonantenschrift gibt es oft zahlreiche mögliche Varianten. Beispielsweise kann ich den häufig verwendeten arabischen Namen “عبد الله” auf Deutsch “Abdallah”, “Abd-Allah” oder “Abdullah” schreiben. Bei beglaubigten Übersetzungen frage ich meine Kunden dann nach vorhandenen Schreibweisen in anderen Ausweisdokumenten (aus dem Heimatland oder in Deutschland ausgestellt), die übernommen werden können. Wenn dieser Punkt nicht beachtet wird, kommt es früher oder später oft zu Problemen mit deutschen Behörden.

Stellen Sie sich den Fall vor, bei dem zwei verschiedene Übersetzer  den (auf Arabisch identischen) gemeinsamen eines Ehepaares im Deutschen unterschiedlich transkribieren. Der eine schreibt “Herr Khoury”, der andere “Frau Khuri”. Wenn es schlecht läuft, stellt später eine Behörde gar die Eheschließung und die gemeinsamen Kinder in Frage. Auch wenn dieser Fall hypothetisch ist, kommen solche und ähnliche Situationen vor. Immer wieder landen solche Fälle bei Gericht. Das Gericht muss dann einen Gutachter bestellen und ein längeres Verfahren durchführen. Um das zu vermeiden, ist es wichtig, bei der Beauftragung der Übersetzung mit dem Kunden über das Thema Namensschreibweise zu sprechen.

Deutsche Namen auf Arabisch

Problematisch ist aber auch der umgekehrte Fall: Übersetzer können deutsche Eigennamen mit arabischen Buchstaben oft nur sehr unzulänglich wiedergeben. Das hängt damit zusammen, dass die arabische Schrift keine Vokale kennt. Der Leser muss sich diese beim Lesevorgang “hinzudenken”. Hinzu kommt, dass es für viele deutsche Buchstaben und Laute im Arabischen überhaupt keine Entsprechung gibt.

Beispielsweise mussten wir im Übersetzungsstudium regelmäßig Texte übersetzen, in dem ein gewisser Herr “Fisterfilleh” (فيسترفيله) vorkam. Uns war aus dem Kontext zwar schnell klar, dass mit dieser mehrdeutigen Schreibweise nur der damalige Außenminister Guido Westerwelle gemeint sein konnte. Bei weniger bekannten Personen ist es aber nicht so offensichtlich und oft gar nicht möglich zu erraten. Auch hier ist es wichtig, den Kunden dafür zu sensibilisieren und um mehr Informationen zu bitten.

Transkription arabischer Video- und Audio-Dateien

Die Transkription und Übersetzung arabischsprachiger Audio- oder Videoaufnahmen stellt eine besondere Herausforderung dar. Zunächst sollten Sie klären, welches sprachliche Register die Personen in der Aufnahme sprechen: welchen arabischen Dialekt oder gar Hocharabisch? In dem (selteneren) Fall, dass die Sprecher sich ausschließlich auf Hocharabisch ausdrücken, ist das Prozedere einfacher: Der Übersetzer erstellt ein Transkript, das er dann übersetzen kann.

Problematische Transkription

Bei Audio- und Videoaufzeichnungen in Übersetzungsprojekten handelt es sich jedoch häufig um Interviews, z.B. aus der empirischen Sozialforschung. Dabei sprechen die aufgenommenen Personen in ihrem jeweiligen Dialekt. Bei der Planung des Übersetzungsprojektes sollten Sie zunächst eruieren, welcher Dialekt das ist. Bei Interviews mit arabischen Migrantinnen und Migranten in Deutschland sind das oft mehrere unterschiedliche Dialekte. In einem zweiten Schritt empfehle ich Ihnen, dass Sie mit dem Kunden die Vorgehensweise bei der der Transkription klären. Hauptproblem dabei ist, dass arabische Dialekte eigentlich überhaupt nicht geschrieben werden. Der oder die Transkribierende kann zwar trotzdem ein dem gesprochenen Text möglichst nahekommendes Transkript erstellen. Allerdings gibt es dafür keine einheitlichen Regeln. Daher ist es wichtig, dass der Übersetzer auch die Audio- oder Videodatei einsehen kann. Denn das Transkript wird an einigen Stellen ohne die Aufnahme nicht eindeutig verständlich und damit übersetzbar sein.

Zwischenschritt Hocharabisch

Alternativ kann der Übersetzer bei der Transkription aus dem mündlichen Dialekt-Text einen schriftlichen Text im Hocharabischen erstellen. Allerdings ist das z.B. im Rahmen der empirischen Sozialforschung problematisch, da der Originaltext verfremdet wird und der Übersetzer im Hocharabischen nicht alle dialektalen Stilelemente erhalten kann.

Eine perfekte Lösung gibt es hier nicht. In jedem Fall sollten Sie Ihren Kunden im Vorfeld für diese Thematik sensibilisieren und über die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Varianten informieren. Im Idealfall kann er dies schon berücksichtigen und in seine Planung mit einbeziehen. Gerade im Bereich der empirischen Sozialforschung erhalte ich regelmäßig Texte, die ich mit entsprechender Vorplanung mit viel weniger Aufwand hätte übersetzen können.

Weiterlesen:

  • In Teil 1 dieser Artikelreihe erfahren Sie mehr zur Bestimmung der Textmenge, zu Schriftbild und Layout sowie zur Problematik von Dialekt und Hochsprache.
  • Im (bald folgenden!) abschließenden Teil 3 gehe ich auf OCR, CAT-Tools und maschinelle Übersetzung sowie auf Terminologie und Fachsprache im Arabischen ein.

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