„Und was willst du später mal damit machen?“ war die häufigste Frage im Verwandten- und Bekanntenkreis, als ich mich nach dem Abitur 2004 für das Studium der Arabistik und Politikwissenschaften entschied. Ich wusste es nicht und es interessierte mich damals auch nicht. Was ich wusste war, dass mich diese Fächerkombination brennend interessierte. Fünfzehn Jahre später kann ich sagen: Es war richtig so und ich habe meinen Beruf gefunden!

Am 22. Februar 2014  – heute vor genau fünf Jahren – erhielt ich meinen ersten Übersetzungsauftrag. Kurz davor hatte ich „Falk Translations“ gegründet und mich als freiberuflicher Übersetzer und Dolmetscher selbstständig gemacht. Zeit für eine Bilanz.

Noch während meines Aufbau-Studiums zum Konferenzdolmetscher hatte ich erste Vorbereitungen getroffen: Ein Kalligraph entwarf mein Falken-Logo, ich erstellte Konzept und Design meiner ersten Website und vertiefte mich in unternehmerisches Grundwissen. Unbezahlbar in dieser Anfangszeit war die Mitgliedschaft im BDÜ, dem größten deutschen Übersetzerverband: Beim monatlichen Regionalgruppentreffen in Freiburg knüpfte ich erste Kontakte und konnte erfahrene Kolleginnen und Kollegen mit Fragen aus dem Berufsalltag löchern: Wie kalkuliert Ihr Eure Preise? Wie gehe ich mit säumigen Zahlern um? Wie bekomme ich mehr Kunden? Auf diese und zahlreiche weitere Fragen erhielt ich kompetente Hinweise und Ratschläge. Weitere kollegiale Unterstützung erfuhr ich wenig später durch das Mentoring-Programm des BDÜ-Landesverbandes Baden-Württemberg.

Anfang 2014 ging meine Website online. Erste Anrufe und Anfragen ließen nicht lange auf sich warten – Arabisch-Übersetzungen waren gefragt. Auftrag um Auftrag lernte ich dazu.

Vom Grünschnabel zum Profi

Die nächsten Jahre waren geprägt von stetig steigenden Auftragszahlen und einer weiteren Professionalisierung: Die Website erhielt ein professionelles Relaunch, eine Software zur Auftragsverwaltung wurde angeschafft, die Buchhaltung systematisiert, Steuer- und Rechtsfragen geklärt. Die gerichtliche Vereidigung als Dolmetscher und Übersetzer sowie die staatliche Übersetzerprüfung machten das Bild komplett.

Auch inhaltlich gab es eine Weiterentwicklung: Die Fachgebiete Medizin, Recht und Sozialwissenschaften wurden zu meinem Arbeitsschwerpunkt. Trotzdem übersetze ich natürlich nicht ausschließlich medizinische, juristische und sozialwissenschaftliche Texte. Denn der Übersetzungsmarkt für Arabisch-Deutsch kennt keine Hochspezialisierung wie es beispielsweise bei Englisch-Übersetzungen der Fall ist. Immer wieder bearbeite ich auch Übersetzungsprojekte ins Arabische in Teamarbeit mit muttersprachlichen Kolleginnen und Kollegen. Oder ich übersetze beispielsweise auch ausgewählte technische Übersetzungsprojekte ins Arabische im Team mit muttersprachlichen Experten. Aufträge aus weiteren Fachgebieten und die beglaubigte Übersetzung von Urkunden sorgen für zusätzliche Vielfalt und Abwechslung im Arbeitsalltag.

Vielfalt und Abwechslung

An Abwechslung und Vielfalt mangelte es mir in den letzten fünf Jahren in der Tat nicht. Im Rückblick kann ich sagen: Übersetzen und Dolmetschen ist zu meinem Traumberuf geworden: Ich kann als Selbstständiger eigene Entscheidungen treffen, die Arbeit ist vielfältig und täglich warten neue Herausforderungen.

Als Freiberufler habe ich großen Gestaltungsspielraum und entscheide selbst, wann, wie und für wen ich arbeite. Trotzdem bin ich selten alleine am Werk: Der Kontakt mit Kundinnen und Kunden aus aller Welt sowie der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen sind Teil meines Arbeitsalltags. Auch die Teamarbeit war und bleibt sehr wichtig: Ich begann, mir ein Netzwerk kompetenter Kolleginnen und Kollegen aufzubauen, auf das ich bei Großaufträgen oder für das Korrekturlesen im Vier-Augen-Prinzip zurückgreifen kann.

Aber auch die Arbeit selbst ist äußerst vielfältig und bietet täglich neue Herausforderungen. Da gab es den Obduktionsbericht über einen Tauchunfall im roten Meer, die Interviewaufnahmen aus einer empirischen Feldstudie, zahlreiche Gerichtsurteile und Amtshilfeersuchen zu Themen wie Wirtschaftskorruption, Steuerhinterziehung und Amtsmissbrauch, das syrische zahnmedizinische Curriculum,  Hunderte von Schul- und Universitätszeugnissen, Heirats-, Geburts-, Scheidungs- und Sterbe-Urkunden, aus denen ich bunte Migrationsgeschichten erahnen konnte; da waren Produktkataloge über Feuerlöscher oder Isolierkannen, Lieferantenverträge, Arztberichte, Websites von Fachärzten, Patientenführer und viele weitere Themen mehr. Mit jedem Auftrag lerne ich dazu und erweitere meinen Horizont.

Ergänzt werden die spannenden Übersetzungsaufträge durch interessante Dolmetscheinsätze: Am Familiengericht dolmetsche ich bei Verhandlungen über Sorgerecht, Kindesunterhalt, Ehescheidung und Vormundschaft. In den Jugendämtern der Region bin ich bei Vaterschaftsbeurkundungen gefragt. Oder die hiesige Uni-Klinik benötigt mich zum Beispiel beim Dolmetschen eines psychologischen Testverfahrens.

Spezialaufträge

Das i-Tüpfelchen sind dann die ganz besonderen Anfragen, die von Zeit zu Zeit auf meinem Schreibtisch landen: Ein Hörbuchverlag wollte, dass ich die korrekte Aussprache arabischer Eigennamen und einiger arabischer Ausdrücke für den Sprecher eines Hörbuchs vertone; eine Literaturagentin beauftragte mich damit, eine potenzielle Neuerscheinung eines berühmten arabischen Zeitgenossen zu probezulesen und für sie zusammenzufassen; ein Hobby-Dichter beauftragte mich mit der Übersetzung seiner Sammlung von Heimat- und Liebesgedichten; für eine Autorin und Journalistin übersetzte ich Interviewaufnahmen und das Manuskript für ein Radio-Feature.

Abgerundet wird dieser spannende Arbeitsalltag durch all die Dinge, die außerhalb der eigentlichen Arbeit anfallen: Pflege der Fremdsprache, Besuch von Weiterbildungen, Vernetzung im Kollegenkreis, Engagement im Berufsverband, Buchhaltung und Zahlungsverfolgung, Marketing- und Akquise, Bloggen und vieles mehr. Ab und an gebe ich auch noch Online-Arabisch-Unterricht für Fortgeschrittene über die Universität Zürich. Fest steht: Es wird nie langweilig!

Beruf mit Zukunft

Und ich bin überzeugt, dass das auch so bleiben wird. Allen Unkenrufen und Abgesängen auf unseren Berufsstand zum Trotz: Qualifizierte Übersetzer werden gebraucht – auch und gerade im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Das gilt für Arabisch allemal (siehe mein Artikel dazu). Aber auch für alle anderen Sprachkombinationen werden weiterhin Übersetzer aus Fleisch und Blut und (vor allem mit gesundem Menschenverstand) benötigt. Der Beruf wird sich weiter verändern, aber nie obsolet werden.

Foto: ©Daniel Falk

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