Das 2015 im Harrassowitz-Verlag erschienene Deutsch-Arabische Wörterbuch hat sich zum Ziel gesetzt, „den Allgemeinwortschatz der deutschen Gegenwartssprache und des modernen Hocharabischen unter Berücksichtigung der Regionalitäten der Schrift- und Umgangssprache“ zu präsentieren. Mit 70.000 Einträgen auf rund 1600 Seiten ist der Umfang des Wörterbuches in der Tat beachtlich. Die arabischen Wörter sind durchgängig vokalisiert. So können auch Arabischlernende das Wörterbuch verwenden und die Wörter korrekt aussprechen, sobald sie die Schrift beherrschen. In den einzelnen Einträgen  beziehen die Autoren auch häufige Kollokationen, Idiomatik und Phraseologie mit ein. Beispielsweise kann man unter dem Eintrag „Boden“ eine (sinngemäße) Übersetzung von „das schlägt dem Fass den Boden aus“ finden und unter „hauen“ sowohl die Wendungen „auf den Putz“ als auch „jemanden übers Ohr“ hauen. Auch sind einige eher umgangssprachliche deutsche Wörter aufgenommen worden, was das Wörterbuch eindeutig bereichert und den Anspruch, die Allgemeinsprache darzustellen, untermauert.

Ungenau und fehlerhaft im Detail

Beim genaueren Durchsehen werden leider zahlreiche kleinere und größere Fehler und Ungenauigkeiten deutlich. „Falsche Freunde“ sind vielleicht noch verzeihlich, etwa wenn „Überfallkommando“ wörtlich mit „أمر بالهجوم“ (Rückübersetzung: „Kommando zum Überfall“) übersetzt wird, ohne die eigentliche Denotation eines „alarmbereiten motorisierten Einsatzdienstes der Polizei“ (Duden) zu berücksichtigen. Bedauerlicherweise finden sich aber weitere Falschübersetzungen. So wird „Betriebsrat“ mit „مجلس إدارة الشركة“ übersetzt (Rückübersetzung: „Verwaltungsrat der Firma“) – hier wird auf Arabisch die im Deutschen bezeichnete Arbeitnehmervertretung zum Exekutivorgan des Arbeitgebers gemacht. Der deutsche „Solidaritätszuschlag“ wird im Arabischen als „Solidaritätsleistung“ (معونة تضامنية) angegeben, was eine staatliche Unterstützungsleistung (ähnlich der Sozialhilfe) suggeriert und nicht die eigentlich gemeinte Ergänzungsabgabe zur Einkommenssteuer bezeichnet.

Verkehrung ins Gegenteil

Eine Verkehrung der Bedeutung ins Gegenteil findet sich unter dem Eintrag „Nichtzutreffendes“. Die in Formularen oder Prüfungen anzutreffende deutsche Wendung „Nichtzutreffendes bitte streichen“ wird übersetzt mit „ضع علامة أمام ما هو غير صحيح“ (wörtlich: „setze ein Zeichen vor das, was nicht zutrifft“). Demnach würde ein arabischer Muttersprachler auf einem Formular z.B. ein Zeichen vor das Nichtzutreffende machen, was ein deutscher Muttersprachler aber im schlimmsten Fall als Ankreuzen des Zutreffenden verstehen könnte. Nicht nur im medizinischen Kontext könnte das zu gefährlichen Missverständnissen führen. Eine eindeutige und korrekte Übersetzung der Phrase wäre z.B. „يرجى شطب ما هو غير صحيح“ gewesen.

Knapp daneben…

An zahlreichen Stellen geht die Übersetzung der deutschen Einträge ins Arabische „knapp daneben“. So wird Kieferorthopäde wird mit „جراح الفك“ („Kieferchirurg“) übersetzt (korrekt wäre z.B.: “أخصائي تقويم الأسنان”). „Verwaltungsgericht“ wurde mit “النيابة الإدارية” übertragen, was (in Ägypten) die Staatsanwaltschaft an Verwaltungsgerichten bezeichnet. Ein arabisches Äquivalent wäre „محكمة إدارية“ gewesen. Die „Homoehe“ wird im Arabischen zur „Männerheirat“ (تزاوج الرجال), der „Drittletzte“ zum „Vorletzten“ (“قبل الأخير” statt “الثالث قبل الأخير”). Unter dem Eintrag „Durchbrausen“ wird der Satz „der Zug ist eben durchgebraust“ übersetzt mit „der Zug ist eben abgefahren“ (“انطلق القطار منذ لحظات”) … und so geht es bei vielen Einträgen weiter, was den guten ersten Eindruck von diesem Wörterbuch erheblich schmälert.

Fehlerhafte Fachterminologie

Das Wörterbuch bezieht bewusst Fachbegriffe aus verschiedenen Fachgebieten mit ein. Und in der Tat finden sich  zahlreiche Einträge aus Medizin, Chemie, Recht, Pharmazie und vielen anderen Gebieten. Der quantitativ umfangreich einbezogene Fachwortschatz wird allerdings durch Ungenauigkeiten und Fehler im Detail etwas getrübt.  So findet sich aus dem Bereich der Medizin für „Fingerknöchel“ „سلامي/سلاميات“, was aber die Fingerknochen bezeichnet (korrekt wäre z.B. „بُرجٌمة/براجم“).  „Zahnschmelz“ wird mit „طربوش الأسنان المصلب“ übersetzt, was „angebrachte Zahnkrone“ bedeutet (korrekt wäre „مينا“).

Auch im Bereich der Technik finden sich Fehler und Ungenauigkeiten. So steht unter dem Eintrag „Tiefseebohrung“ lediglich das arabisch Verb für „graben“ (“حفر”) ohne weitere Spezifizierung. Für „Ingebrauchnahme“ findet sich auf Arabisch lediglich „Gebrauch“ (“استخدام” statt „الاستخدام الأول“) – würde man sich etwa in einer technischen Gebrauchsanweisung auf das Wörterbuch verlassen, könnte dieser feine Unterschied zwischen erster Verwendung z.B. einer Maschine und dem regelmäßigen Gebrauch fatale Folgen nach sich ziehen.

Veralteter Wortschatz

Der Verlag bewirbt das Wörterbuch als Nachfolger eines in den 1970-er Jahren erschienenen Standardwerkes  von Götz Schregle. Ein Wörterbuch, das im Jahr 2015 erscheint, muss sich auf lexikalischer Ebene auch mit den realweltlichen Gegebenheiten der Gegenwart auseinandersetzen. Dazu gehören im Informationszeitalter mindestens der Bereich Internet und die mobilen Kommunikationsmedien. Leider zeigt sich in der Zusammenstellung des Wortschatzes, dass das Buch seiner Zeit deutlich hinterherhinkt. Nach Einträgen für „Smartphone“, „Download“ (auch „Herunterladen“), „Livestream“, „Browser“, „WLAN“ oder „Drahtlosnetzwerk“, „Webdesign“ oder „Mobilfunk“ sucht man vergeblich. Eine peinliche Verwechslung ist den Autoren bei „Internetserver“ unterlaufen. Anstelle eines geläufigen arabischen Äquivalents (z.B. „خادم الانترنت“) wurde ein Ausdruck angegeben, der sich mit dem phonetisch ähnlich klingenden „Internetsurfer“ („متجول في الانترنت“) übersetzen lässt.

Fazit: Überarbeitungsbedürftig

Der erste Eindruck ist positiv und das Wörterbuch von der Anlage her auf jeden Fall gelungen. Leider bestehen aber unübersehbare Qualitätsmängel, die das Gesamtbild erheblich trüben. Dass ein Wörterbuch in dieser Form erscheinen konnte ist erstaunlich. Es bedarf dringend einer gründlichen Überarbeitung und der Qualitätskontrolle durch qualifiziertes Fachlektorat. Zumindest in dieser Ausgabe kann es weder professionellen Übersetzern noch Arabischlernenden empfohlen werden.

Hinweis: Bei dieser Rezension handelt es sich um eine Kurzfassung meiner 2016 in der Fachzeitschrift MDÜ erschienenen Rezension (5-2016).