Luftbild VAE

Die Frage nach dem „Warum Arabisch“ habe ich in Teil 1 schon angerissen. Mindestens genauso oft werde ich gefragt, „Wie hast du Arabisch gelernt?“, und „Geht das, als Deutscher perfekt Arabisch zu sprechen?“ Dazu und mehr in Teil 2!

Intensive Sprachausbildung in Leipzig

Orientalisches Institut Leipzig
Freddo213, Schillerstraße 6, CC BY-SA 4.0

Aus dem Südwesten Deutschlands kommend, hatte es mich im Herbst 2005 zum Studium ins schöne Leipzig verschlagen. Zusammen mit sage und schreibe 120 Studienanfängern saß ich bald darauf in der ersten Arabisch-Vorlesung bei Prof. Schulz. Ich hatte das große Glück, mir mit dem Orientalischen Institut der Universität Leipzig einen Studienort ausgesucht zu haben, an dem auf eine gründliche und aktive Sprachausbildung großen Wert gelegt wurde. Wenn man das ernst nahm – was ich tat, denn ich wollte die Sprache, wenn schon, dann richtig lernen – bedeutete das: Lernen, lernen und nochmals lernen.

Erste Durststrecke

Schon nach wenigen Wochen war mein kleiner Vorsprung durch Lehrbuch und VHS-Kurs dahin. Innerhalb kurzer Zeit waren einfache Dinge wie Artikel, Genus und Nominalsätze abgehandelt. Schon bald ging es um Radikale, Wurzelsystem, gebrochene Plurale, suffigierte Personalpronomen, Diptota etc. Endlose Tabellen erweiterter Verbalstämme regulärer und schwacher Verben wurden gelernt und abgefragt. Das war kein Zuckerschlecken und manche hatten sich das wohl anders vorgestellt, denn die Reihen der Kommilitoninnen und Kommilitonen lichteten sich zunehmend. Nach einer ersten Durststrecke machte es aber auch viel Spaß, immer tiefer in diese unbekannte Sprachwelt vorzustoßen.

Umso einfacher, je weiter man kommt

Meine persönliche Erfahrung beim Arabisch-Lernen: Je weiter man kommt, desto einfacher wird es. Beispiel Vokabeln-Lernen: Da Arabisch als semitische Sprache einen ganz anderen Wortschatz hat, kann man bei neuen Wörtern so gut wie nie von anderen Sprachen auf die Bedeutung eines Wortes schließen. Arabisch ist zudem vergleichsweise resistent gegenüber Fremdwörtern. Man muss sich daher als Anfänger ein völlig neues Gefühl für Wortarten und lexikalische Querverbindungen erarbeiten. Das wird erheblich einfacher, sobald man die Grammatik einigermaßen durchschaut und sich einen Grundwortschatz aufgebaut hat.

Dabei ist es unabdingbar, sich ständig mit der Sprache zu umgeben, einzutauchen. Lange “Vokabel-Spaziergänge” durch den Leipziger Auwald oder Joggen mit Lehrbuch-Audios auf den Ohren gehörten daher genauso zum Alltag wie gemeinsame arabische Scrabble- und Filmabende, später auch arabische Romane, Hörspiele, Podcasts. Und natürlich war der Spracherwerb nur die Grundlage für das eigentliche Studium: Arabische Literatur, Dichtung, politische Rhetorik, Islamisches Recht und Sozialgeografie der arabischen Welt waren neben der Politikwissenschaft die Themen meines Studiums.

Konferenzdolmetschen und Fachübersetzen

Neben dem eigentlichen Studium standen uns die intensiven Trainingseinheiten und Übungen der parallel laufenden Studiengänge für Konferenzdolmetscher und Fachübersetzer offen: Wir verdolmetschen politische Reden simultan und konsekutiv – besonders spannend während der Umbrüche des arabischen Frühlings – übten uns im bilateralen Gesprächsdolmetschen, diskutierten typische Arabisch-Übersetzungsprobleme und lernten den Umgang mit CAT-Tools und vieles mehr. Von dieser Ausbildung habe ich enorm profitiert und konnte später darauf aufbauen, als ich den Master Konferenzdolmetschen Arabisch und die staatliche Übersetzerprüfung ablegte.

Reisen und Sprachpraxis

Reisen arabische Welt

Bildquelle: Daniel Falk

Unterwegs in der Arabischen Welt

Nach dem Grundstudium nutzte ich die vorlesungsfreien Zeiten für zahlreiche Reisen und Sprachaufenthalte in unterschiedlichen Ländern der arabischen Welt: Sprachkurse führten mich nach Marokko, Ägypten und in den Oman, ein Austauschprojekt mit arabischen Studierenden nach Jordanien, eigene Rucksackreisen in den Libanon und nach Syrien. Besonders intensiv waren die Reisen, auf denen ich alleine unterwegs war und dabei schnell in Kontakt zu den Menschen und Sprache vor Ort kam: Beispielsweise auf langen Zugfahrten zwischen Kairo und Assuan, im Sammeltaxi durch die libanesische Bekaa-Ebene oder im Fernbus durch Syrien.

Auch wenn das unbeschwerte Reisen und Erkunden gegen Ende meines Studiums zunehmend schwieriger wurde, als sich im Zuge des arabischen Frühlings die Situation vor Ort z. B. in Ägypten oder Syrien veränderte, gab es noch genug Möglichkeiten für weitere Sprachpraxis. Über Al Jazeera und andere Kanäle konnten wir die Revolutionen und Umstürze von Leipzig aus fast live mitverfolgen, im Seminar die Ereignisse analysieren oder in der Kabine wichtige Reden simultan verdolmetschen. Zudem hatte ich mir auf meinen Streifzügen durch arabische Buchläden bereits einen kleinen Vorrat an arabischen Romanen zugelegt, mit deren Hilfe ich in arabische Lebenswelten und Geschichten eintauchen konnte.

Hocharabisch und die Dialekte

Meine Reisen waren immer auch eine Konfrontation mit der komplexen arabischen Sprachrealität, mit der Diglossie-Situation, meiner Meinung nach der größten Herausforderung beim Arabischlernen. Unsere Leipziger Sprachausbildung konzentrierte sich zunächst ausschließlich auf Hocharabisch: Wir sollten zuerst die Hochsprache gut zu beherrschen, bevor wir später einen Dialekt erlernten. Dank des intensiven Trainings in hocharabischer Konversation, konnte ich mich vor Ort tatsächlich gut verständlich machen. Hocharabisch hat bei vielen arabischen Muttersprachlern ein hohes Prestige als Sprache der Bildung und der Religion. Es machte ziemlich Eindruck, sie zu beherrschen.

Andererseits wirkt man mit der Hochsprache in informellen Alltagssituationen schnell etwas deplatziert und fällt auf. Daher gehören die mündlichen Dialekte zum Spracherwerb von Arabisch selbstverständlich fest dazu. Ich eignete mir zunächst Grundkenntnisse in den Dialekten Ägyptens und Syriens an, später im Dialekt der Golfstaaten. Heute habe ich wohl die größte Sprachpraxis im syrischen Dialekt und werde bei meinen Dolmetschereinsätzen von arabischen Muttersprachlern meist für einen Syrer gehalten (und von Syrern für einen Syrer aus einer anderen Gegend Syriens).

Forschung am Persischen Golf

Forschungsreisen VAE

Bildquelle: Daniel Falk

Nachdem Syrien und eine Zeitlang auch Ägypten als Reiseziele ausgefallen waren, wandte ich mich einer anderen arabischen Region zu: der arabischen Halbinsel. Mit zwei Forschungsstipendien für Magisterarbeit und später die Promotion konnte ich längere Zeit in Abu Dhabi und Dubai in den VAE verbringen. Liebe auf den ersten Blick war es nicht und ich haderte zunächst mit der Region: Der Kontrast zu meinen bisherigen Reisen hätte nicht größer sein können, als ich mich nun zwischen wohltemperierten Shoppingmalls, in Hochhäuserschluchten und Luxus-Ressorts in einer ganz anderen Welt wiederzufinden schien.

Ich fragte mich anfangs zudem, was ich als Arabist in einem Land verloren hatte, in dem man von der einheimischen Bevölkerung kaum etwas mitbekam, von Arabisch als Sprache ganz zu schweigen. Letztlich machte ich aber aus der Not eine Tugend: Gerade dieses Spannungsfeld von kleiner, einheimischer, arabischer Minderheit und migrantischer Mehrheitsgesellschaft wurde zu meinem Forschungsthema. In der Magisterarbeit untersuchte ich die Sprachenpolitik und die Rolle des Arabischen in den VAE. In der Dissertation schaute ich mir den emiratischen Blick auf das Thema Migranten und Einwanderung genauer an. Und nach und nach habe ich auch die arabischen Golfstaaten zu schätzen gelernt.

Sprache als Türöffner

Schon während meines ersten Aufenthalts in den VAE erwies sich mein gutes mündliches Hocharabisch als echter Türöffner zu Teilen der emiratischen Gesellschaft, von der viele Reisende sonst kaum etwas mitbekommen. Über eine Zufallsbekanntschaft aus einem arabischen Buchladen in Abu Dhabi erhielt ich Kontakt zu einem emiratischen Journalisten. Der wiederum konnte – nachdem er mein Vorhaben journalistisch in einer Zeitungskolumne verarbeitet hatte – mir einen Interviewtermin mit einem Staatssekretär der emiratischen Föderalregierung organisieren. Das war wirklich spannend.

Zwei Jahre später kam ich wieder, um an der Zayed University in Abu Dhabi für meine Dissertation weitere Forschungen anzustellen. Hier ergaben sich durch Kontakt zu emiratischen Studierenden, Reisen in den Oman und nach Kuwait weitere spannende Einblicke.

Lebenslanges Arabischlernen

Arabisch perfekt zu beherrschen, geht das? Ja und nein. Natürlich kann man es mit viel Disziplin und intensivem Training sehr weit bringen. Gleichzeitig muss man sich darüber im Klaren sein, dass das Lernen nie aufhört. Arabisch bietet schon geografisch den Zugang zu einem derart großen Sprach- und Kulturraum, dass es einer Person nie gelingen würde, alle sprachlichen Facetten und Varianten zu kennen und alle Dialekte zu beherrschen. Hinzu kommen der reiche historische Schatz in klassisch-arabischen Texten, eine sich stetig weiter entwickelnde Sprachlandschaft und nicht zuletzt neue digitale Möglichkeiten der Sprachverbreitung für Hochsprache und Dialekte in journalistischen und sozialen Medien.

Bis heute bereitet mich Arabisch im beruflichen Alltag, wenn ich dolmetsche, Fachtexte übersetze, staatliche Übersetzer- und Dolmetscherprüfungen abnehme und gelegentlich auch unterrichte. Daneben heißt es nach wie vor: Dran bleiben und weiter lernen: mit arabischen Podcasts und Hörbüchern, arabischen Romanen und Filmen, bei Recherchen zu Fachtexten, beim Durcharbeiten von Dialektlehrbüchern, durch Gespräche mit arabischen Muttersprachlern und natürlich auf Reisen.

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