Wussten Sie, dass „Abdul“ im Arabischen eigentlich gar kein vollständiger Name ist? Oder dass ein Berliner Standesamt den Vornamen „Jihad“ jahrelang ablehnte, bis ein Gericht einschritt? Dass es für einen arabischen Namen auf Deutsch viele verschiedene Schreibweisen geben kann? In diesem Blogartikel dreht sich alles rund um die arabischen Vornamen und ihre Besonderheiten, mit denen ich in meinem Arbeitsalltag immer wieder konfrontiert werde.
Inhaltsverzeichnis
Wie arabische Vornamen „funktionieren“
Namensbedeutungen, Kategorien, Konnotationen
Religion und arabische Vornamen
Die beliebtesten arabischen Jungennamen und Mädchennamen
Spitznamen und Alltagsvarianten
Arabische Namen in Deutschland
Wie arabische Vornamen „funktionieren“
Im Unterschied zur deutschen Namenspraxis, in der der Vorrat an gebräuchlichen Vornamen vergleichsweise begrenzt ist, gilt im Arabischen, dass eine große Bandbreite arabischer Wörter mit positiver Bedeutung als Vorname dienen kann.
Drei Beispiele:
- Amal (أمل) bedeutet „Hoffnung“ und ist ein beliebter weiblicher Vorname
- Said (سعيد) bedeutet „glücklich“ oder „der Glückliche“
- Kamal (كمال) bedeutet „Vollkommenheit“ oder „Perfektion“
Sprachstruktur und Wurzelsystem
Da arabische Vornamen arabische Wörter sind, sind diese in der Regel auf dem dreiteiligen Wurzelsystem aufgebaut. Ein arabischer Vorname ist dabei oft eine Ableitung aus einem ganzen Bedeutungsfeld.
Drei Beispiele:
Die Wurzel ḥ-s-n (ح–س–ن) steht für „schön, gut, wohltuend“. Daraus entstehen Namen wie Hassan („der Gute“), Husn („die Schönheit“) oder muhsin(„der Wohltäter“).
Die Wurzel s-l-m (س–ل–م) bedeutet „Frieden, Heil, Unversehrtheit“. Zu diesem Bedeutungsfeld gehören Namen wie Salim („gesund, unversehrt“), Salma („die Friedvolle“) oder Muslim („der sich Gott Hingebende“).
Besonders bekannt ist die Wurzel ḥ-m-d (ح–م–د), die für „loben, preisen“ steht. Daraus leiten sich Aḥmad („der Vielgelobte“), Muḥammad („der Gepriesene“) und Mahmoud („der Gelobte“) ab.
Männliche und weibliche Formen
Viele arabische Vornamen existieren in maskulinen und femininen Varianten. Diese lassen sich oft leicht erkennen: Typisch für die weibliche Form ist die Endung -a oder -ah, gelegentlich auch -iya.
Beispiel: Aus Jamil wird Jamila, aus Karim wird Karima. Allerdings bedeutet nicht jede weibliche Endung eine direkte Ableitung. Manche weiblichen Namen sind historisch eigenständig, auch wenn sie formal wie eine weibliche Variante erscheinen, zum Beispiel beim Namen Layla. Aber es gibt auch zahlreiche weibliche Namen ohne explizite feminine Endung: zum Beispiel Amal („Hoffnung“), Nour („Licht“) oder Sabah („Morgen“).
Zusammengesetzte Vornamen und theologische Elemente
Ein charakteristisches Merkmal insbesondere bei männlichen arabischen Vornamen sind Zusammensetzungen aus zwei oder mehr Wörtern. Zum Beispiel:
- Nur ad-Din – „Licht des Glaubens“
- Zayn al-Abidin – „Schmuck der Gottergebenen“
- Saif al-Islam– „Schwert des Islam“
Grammatikalisch gesehen handelt es sich dabei um Genitivverbindungen (iḍāfa).
Die ʿAbd-Namen: Diener Gottes
Zu den zusammengesetzten Vornamen zählen auch die sogenannten Abd-Namen. Sie bestehen jeweils aus Abd („Diener“) und einem der 99 Namen bzw. Attribute Gottes.
Beispiele:
- Abdullah (Diener Gottes)
- Abd ar-Rahman (Diener des Barmherzigen)
- Abd al-Karim (Diener des Freigiebigen)
Wichtig zu wissen: Diese Namen sind semantisch und grammatikalisch untrennbar. Abdul ist daher streng genommen kein vollständiger Name, sondern lediglich ein Bestandteil. Dass „Abdul“ im deutschen Sprachraum dennoch häufig als Einzelname erscheint, ist ein Ergebnis einer Verkürzung im Sprachgebrauch.
Namensbedeutungen, Kategorien, Konnotationen
Für viele Menschen in der arabischen Welt spielt die Bedeutung eines Namens eine wichtige Rolle. Namen werden nicht nur nach Klang oder familiärer Tradition gewählt, sondern oft bewusst aus religiösen Überzeugungen oder an kulturellen Idealen orientiert.
Typische Kategorien arabischer Vornamen
Die folgenden Gruppen geben einen Überblick über die semantischen Felder, aus denen arabische Vornamen häufig stammen.
Tugenden und Charaktereigenschaften
Diese Kategorie umfasst Namen, die positive innere Eigenschaften benennen: Amin(verlässlich, treu), Sadiq (aufrichtig, ehrlich), Fadhil (tugendhaft, vorbildlich), Najwa (innige Rede, vertrauliches Gespräch).
Natur und Kosmos
Andere arabische Namen stammen aus der Natur oder benennen Himmelskörper: Shams (Sonne), Najma (Stern), Ward (Rose) oder Badr (Vollmond). Manchmal tragen diese Namen neben der Wortbedeutung auch weitere Konnotationen. Der Name Badr etwa erinnert auch an eine zentrale Schlacht der islamischen Frühgeschichte.
Religiöse Begriffe und spirituelle Konzepte
Andere Vornamen greifen religiöse Begriffe oder spirituelle Haltungen auf: Iman (Glaube), Sabr (Geduld), Islam (Hingabe an Gott), Nour (Licht, oft verstanden als göttliches Licht).
Soziale Beziehungen und Emotionen
Namen dieser Kategorie drücken Nähe, Zuneigung oder soziale Verbundenheit aus: Habib (Geliebter), Rafiq (Gefährte, Freund), Jamila (die Schöne, Liebenswerte), Samah (Großzügigkeit, Nachsicht).
Weibliche Vornamen
Bei weiblichen Vornamen spiegeln sich häufig Werte wie Schönheit, Zärtlichkeit, Naturverbundenheit oder spirituelle Tiefe:
- Blumen und Naturbilder: Wardah („Rose“), Yasmin, Najma („Stern“)
- Tugenden und Emotionen: Jamīla („die Schöne“), Saman („Nachsicht“), Hanan („Zärtlichkeit“),
- Religiöse Figuren: Fatkima, Khadija, Maryam
Ungewöhnliche Namensbedeutungen
Manche Namensbedeutungen wirken auf den ersten Blick ungewohnt, da sie in der arabischen Kultur positive Konnotationen aufweisen, die außerhalb des arabischen Sprachraums vielleicht anders wahrgenommen werden.
Beispiele:
- Fahd („Leopard“) gilt in arabischen Ländern als Symbol für Mut und Schnelligkeit.
- Saqr („Falke“) gilt im Golfraum als Inbegriff männlicher Würde und Eleganz.
- Qamar („Mond“) ist poetisch und weiblich konnotiert.
- Jihad („Anstrengung, Einsatz für eine Sache“) ist in arabischen Gesellschaften in der Regel neutral bis positiv besetzt.
Religion und arabische Vornamen
Im arabischen Raum ist die Religion oft ein wichtiger Einflussfaktor bei der Namenswahl.
Muslimische Vornamen
Im islamischen Kontext nimmt der Koran eine Schlüsselrolle ein. Viele der heute verbreiteten muslimischen Vornamen stammen aus dem Koran oder beziehen sich auf Propheten und religiöse Begriffe. Beispiele wie Ibrahim, Yusuf, Isa, Musa, Fatima, Maryam oder die bereits erwähnten Abd-Namen sind in fast allen arabischen Ländern verbreitet. Auch abstraktere Begriffe mit spiritueller Bedeutung finden sich oft: Nur („Licht“), Sabr („Geduld“), Tawfiq („göttliche Führung“) oder Salim („heil, unversehrt“).
Christlich-arabische Namen
Auch christliche Araber haben ein eigenes Namensrepertoire entwickelt, das sich teils mit muslimischen Namen überschneidet, teils deutlich davon unterscheidet. Besonders bei Maroniten im Libanon, Orthodoxen in Syrien oder Kopten in Ägypten lassen sich spezifische Namenstraditionen beobachten. Typisch sind biblische Namen in arabischer Form: z. B. Boutros (Petrus), Elias, Yuhanna (Johannes) oder Gabriel. Auch Maryam (Maria) ist sowohl im Christentum als auch im Islam verbreitet.
Namen wie Abdallah, Abd al-Aziz oder Muhammad werden ausschließlich von Muslimen getragen. Umgekehrt gelten Namen wie Boutros, Tawfila oder Gabriel als explizit christlich. Daneben gibt es auch Überschneidungen, etwa bei Maryam, Yusuf oder Hanna, also Namen, die sowohl im Koran als auch in der Bibel vorkommen. Ihre Verwendung kann jedoch unterschiedlich ausfallen: Während Isa im Islam für Jesus steht, greifen Christen eher zur Variante Yasu.
Die beliebtesten arabischen Jungennamen und Mädchennamen
Welche Namen sind im arabischen Sprachraum besonders beliebt? Die Antwort fällt regional unterschiedlich aus. Neben der klanglichen Attraktivität spielt fast immer die Bedeutung eine Rolle. Daneben gibt es natürlich wie überall auf der Welt Trends, die durch aktuelle TV-Serien, Popkultur oder andere Vorbilder des öffentlichen Lebens geprägt werden.
Bei den Jungennamen stehen Mohamed, Ali, Youssef, Ahmed oder Omar fast überall weit oben auf der Liste. Diese Namen haben entweder direkte Bezüge zur islamischen Frühgeschichte oder drücken, wie im Fall von Aḥmad („der Vielgelobte“), positive Eigenschaften aus. Bei den Mädchennamen dominieren oft Fatima, Zaynab, Aischa, Maryam und Layla. Auch hier spielt die Verbindung zu religiösen oder historischen Figuren eine große Rolle.
Am Beispiel zweier arabischer Länder zeigen sich aber auch große regionale Unterschiede. Laut saudi-arabischen Behörden sind dort bei Jungen die Namen Salman, Mohammed, Abdulaziz, Saud, Khalid und bei Mädchen Hoor, Kayan, Noura, Taraf, Sahab, Joud besonders beliebt. Die jordanische Statistikbehörde meldet als häufigste Jungennamen dagegen „Ahmad, Omar, Youseef und Mohammed“ und bei den Mädchen „Jouri, Jana, Layan, Sarah oder Leen“.
Spitznamen und Alltagsvarianten
Im arabischen Sprachraum ist die kreative Verwendung von Spitz- und Kosenamen weit verbreitet. Namen werden verkürzt, verniedlicht oder umgedeutet, mal liebevoll, mal aus pragmatischen Gründen. Beispiel: Ein Kind namens Karīm kann liebevoll Karoumi oder Kimo genannt werden. Aus Abdallah wird Aboudi, aus Mohammed wird Hammouda. Dabei gibt es regionale Unterschiede.
Strategien bei häufigen Namen
Gerade bei weit verbreiteten Namen wie Mohammed helfen Spitznamen im Alltag, um Verwechslungen zu vermeiden. In Schulklassen mit mehreren Mohammeds werden oft Zweitnamen, Familiennamen oder kreative Kürzel verwendet.
Die Kunya-Tradition: Abu und Umm
Nicht selten unterscheidet sich der amtliche Name deutlich von dem, was im Alltag verwendet wird. Ein Mann mag in Dokumenten Abdelkarim heißen, im Alltag aber Abu Salim (Vater von Salim) genannt werden, nach seinem ältesten Sohn. Diese Kunya-Tradition („Vater/Mutter von …“) prägt oft die soziale Ansprache.
Arabische Namen in Deutschland
Namen wie Omar, Laila, Yasin oder Fatima sind in Deutschland bekannt, doch ihre gesellschaftliche Wahrnehmung schwankt. Manche werden als „exotisch“ empfunden, andere mit bestimmten religiösen oder sozialen Gruppen assoziiert. In Einzelfällen kann die Namenswahl Einfluss auf Bewerbungen, Wohnungsmarkt oder schulische Erwartungen haben.
Behördenpraxis und Namensrecht
Bei Geburten, Eheschließungen oder Einbürgerungen kommt es regelmäßig zu Missverständnissen, etwa bei der Unterscheidung von Vor- und Nachnamen, der Schreibung von Artikeln (al-) oder bei zusammengesetzten Namen.
Das Problem der arabischen Namenskette
Das deutsche Namensrecht kennt Vornamen und Familiennamen. Viele arabische Länder hingegen kennen die sogenannte Namenskette: eine Abfolge aus eigenem Namen, Vaternamen, Großvaternamen und manchmal Stammesnamen.
Beispielsweise wird in irakischen Reisepässen der Großvatername oder Stammesname in der Zeile „Familienname“ eingetragen, obwohl es sich nicht um einen Familiennamen im deutschen Sinne handelt. Mit der Einbürgerung in Deutschland unterliegt die Namensführung dem deutschen Namensrecht. Betroffene können dann eine Angleichungserklärung abgeben, um die Namenskette strukturell in Vor- und Familienname zu gliedern.
Wenn Standesämter Namen ablehnen
In manchen Fällen führen kulturelle Unterschiede zu Gerichtsverfahren. Ein besonders prominentes Beispiel ist der Name Jihad. Im Jahr 2005 wollten Eltern in Berlin ihren neugeborenen Sohn „Djehad“ nennen. Das Standesamt Charlottenburg-Wilmersdorf lehnte ab: Der Name sei zu heikel, er werde in Deutschland automatisch mit „Heiligem Krieg“ und islamistischem Terrorismus assoziiert. Das Kindeswohl sei daher gefährdet.
Die Eltern klagten. Amtsgericht und Landgericht gaben ihnen Recht. Das Kammergericht Berlin entschied 2008 endgültig: Bei dem Namen Djehad handelt es sich um eine im Arabischen gebräuchliche Bezeichnung für die Verpflichtung eines Muslims, sich für die Verbreitung des Glaubens geistig und gesellschaftlich einzusetzen. Der Name sei weder verunglimpfend noch anstößig.
Die Übersetzung und Schreibweise arabischer Namen
Ein zentrales Problem im Umgang mit arabischen Namen ist ihre Verschriftlichung in lateinischen Buchstaben. Das liegt zum einen daran, dass das Arabische eine eigene Schrift mit Lauten verwendet, die im Deutschen nicht existieren. Zum anderen werden lange Vokale nicht geschrieben und Hochsprache und Dialekten unterschiedlich ausgesprochen. So erscheint der häufigste arabische Vorname weltweit in Deutschland als Mohammed, Muhammad, Mohamed, Muhammed oder Mohammad. In arabischen Pässen wird er oft auch einfach als „Mhd“ abgekürzt.
Diese Inkonsistenz führt in der Praxis zu erheblichen Problemen: Pässe, Geburtsurkunden, Zeugnisse und Bankunterlagen weisen oft unterschiedliche Schreibweisen auf. Das kann bei Behördengängen, Grenzkontrollen oder Vertragsabschlüssen zu Komplikationen führen. Immer wieder bin ich als Gutachter im Auftrag von Gerichten tätig, wenn es um Schwierigkeiten mit arabischen Namen geht. Ausführliche Informationen zur Transkriptionsproblematik und praktische Lösungsansätze finden Sie in meinem Blogartikel „Wie schreibt man arabische Eigennamen?“.
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