Kein Infinitiv, kein Konjunktiv, kein Problem?

Neun Besonderheiten arabischer Verben

Als ich angefangen habe, Arabisch zu lernen, war das Verb eine der größten Herausforderungen: Neue Konjugationsformen wie Dual und femininer Plural, erstaunlich wenige Zeitformen, ungewohnte Worstellung und vor allem ein umfangreiches System an Verbalstämmen. Das kann beim Arabischlernen ganz schön verwirrend sein. Ein Überblick über neun Besonderheiten des arabischen Verbs.

Inhaltsüberblick

  1. Wörterbuchform: Warum nicht der Infinitiv?
  2. Implizierte Pronomen und Höflichkeitsform
  3. Wurzeln, Muster und Verbalstämme
  4. Nur zwei Zeitformen?
  5. Wortstellung und Kongruenz (VSO/SVO)
  6. Verbalsubstantiv als Stilmittel
  7. Besonderheiten im Numerus
  8. Vokale entscheiden über Aktiv und Passiv
  9. Gibt es einen arabischen Konjungtiv?

1) Warum steht im Wörterbuch nicht „gehen“ sondern „er ging“?

Im Deutschen schlägt man man Verben im Infinitiv nach: gehen, schreiben, lesen. Im Arabischen findet man in Wörterbüchern in der Regel die 3. Person Singular maskulin in einer Vergangenheitsform: „er ging“, „er schrieb“ usw. Das liegt vor allem daran, dass man in dieser Form die drei Grundkonsonanten vieler Verben klar erkennt. Viele Wörter- und Lehrbücher geben zusätzlich die passende r Gegenwartsform an, also z.B. bei ذَهَبَ auch يَذْهَبُ:

ArabischTranskriptionDeutsch
ذَهَبَḏahabaer ging
يَذْهَبُyaḏhabuer geht

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2) Implizierte Pronomen und die Frage der Höflichkeit

In vielen arabischen Sätzen steht kein eigenes Personalpronomen. Person und Zahl (und meist auch männlich/weiblich) sind bereits in der Verbform markiert. Beispiel: تكتبين bedeutet „du (weiblich) schreibst“. Man kann übrigens sogar einen ganzen Satz in einem Wort bilden, wenn man noch ein sogenanntes Personalsuffix anhängt, da die Rolle des Objekts übernimmt: تكتبه bedeutet „du schreibst es“

Eine andere Frage, die mir im Zusammenhang mit den Personalpronomen und der Verbkonjugation vor allem bei Übersetzungen aus dem Deutschen ins Arabische oft begegnet ist die nach der Höflichkeitsform: Wie setzt man das deutsche „Sie“ auf Arabisch um? Im Modernen Hocharabisch gibt es kein festes Siezen wie im Deutschen. Höflichkeit wird häufig über Anredeformen und Titel hergestellt (z.B. حضرة, أستاذ). In manchen Kontexten kommt auch die 2. Person Plural als respektvolle Anrede vor. Was passt, hängt stark von Kontext und Situation ab.

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3) Der Baukasten: Wurzeln, Muster und Verbalstämme

Das System Wurzeln und Verbalstämmen gehört zu den stärksten Strukturprinzipien des Arabischen. Vereinfacht erklärt: Viele Wörter beruhen auf drei Konsonanten, die ein Bedeutungsfeld tragen. Durch unterschiedliche „Bauformen“ (sogenannte Modellstrukturen) entstehen daraus ganze Wortnetze. Bei Verben gibt es das System der Verbalstämme (in Grammatiken mit I–X markiert). Man kann sich das als „Umbauten“ an derselben Wurzel vorstellen: kleine Änderungen am Verb, die oft eine typische Bedeutungsrichtung erzeugen. Das geschieht zum Beispiel über Einschübe von langen Vokalen oder Konsonanten oder durch Vorsilben.

Ein Beispiel ist die Wurzel k‑t‑b rund um die Bedeutung „schreiben“:

ArabischTranskriptionDeutsch
كَتَبَkatabaer schrieb
كَاتَبَkātabaer korrespondierte (mit jemandem)

Für Lernende hat dieses System große Vorteile. Je weiter man vorankommt, desto schneller kann man Querverbindungen herstellen, Wortbedeutungen erkennen und sich schneller neue Bedeutungsfelder erschließen.

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4) Wenige Zeitenformen

Das Arabische arbeitet im Kern mit zwei großen grammatikalischen Zeitformen. Die Perfektform dient zur Beschreibung abgeschlossener Handlungen; die Imperfektform wird für nicht abgeschlossene Handlungen verwendet und kann durch eine Vorsilbe auch die Zukunft markieren. Vieles, was im Deutschen über mehrere Zeitformen verteilt ist, entsteht im Arabischen über Kontext, kleine Zusatzwörter und Konstruktionen.

Mit ذهب („gehen“) sieht man das gut:

ArabischTranskriptionDeutsch
ذَهَبَ إِلَى البَيْتِḏahaba ilā l-baytiEr ging nach Hause
يَذْهَبُ إِلَى البَيْتِ كُلَّ يَوْمٍyaḏhabu ilā l-bayti kulla yawminEr geht jeden Tag nach Hause
يَذْهَبُ الآنَ إِلَى البَيْتِyaḏhabu al-ʾāna ilā l-baytiEr geht gerade nach Hause
سَيَذْهَبُ إِلَى البَيْتِ غَدًاsayaḏhabu ilā l-bayti ġadanEr wird morgen nach Hause gehen
كَانَ يَذْهَبُ إِلَى البَيْتِ كُلَّ يَوْمٍkāna yaḏhabu ilā l-bayti kulla yawminFrüher ging er jeden Tag nach Hause

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5) Wortstellung: Das Verb zuerst

Im Deutschen ist die Reihenfolge „Subjekt-Prädikat-Objekt“ (SVO) für den Satzbau: „Der Mann schrieb den Brief.“ Im modernen Hocharabischen ist häufig Verb–Subjekt–Objekt üblich. SVO ist ebenfalls möglich, vor allem wenn das Subjekt hervorgehoben werden soll; in modernen Texten sieht man SVO heute oft. Eine weitere Besonderheit, die am Anfang irritieren kann: Wenn das Verb am Satzanfang steht und das Subjekt danach kommt, bleibt das Verb häufig im Singular, auch wenn das Subjekt im Plural steht. Steht das Subjekt zuerst, passt sich das Verb normalerweise vollständig an.

ArabischTranskriptionDeutsch
ذَهَبَ الرِّجَالُ إِلَى البَيْتِḏahaba r-riǧālu ilā l-baytiDie Männer gingen nach Hause (wörtlich: „ging die Männer …“)
الرِّجَالُ ذَهَبُوا إِلَى البَيْتِar-riǧālu ḏahabū ilā l-baytiDie Männer gingen nach Hause

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6) Nominalstil ist guter Stil

Im Deutschen gilt Nominalstil häufig als schwerfällig und typisch für Behördensprache. Im Arabischen sind Verbalsubstantive (Maṣdar) dagegen ein gutes Stilmittel und werden gerne verwendet. Für Übersetzungen bedeutet das: Im Deutschen wirkt es häufig natürlicher, wenn man solche Nominalformen wieder als Verb formuliert. Beispiel:

ArabischTranskriptionDeutsch
الذَّهَابُ إِلَى البَيْتِ سَهْلٌaḏ-ḏahābu ilā l-bayti sahlunDas Nach-Hause-Gehen ist leicht
لَهُ رَغْبَةٌ فِي الذَّهَابِlahu raġbatun fī aḏ-ḏahābiEr möchte gehen

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7) Besonderheiten im Numerus

Neben Singular und Plural kennt das Arabische bei Nomen und Verben den Dual (Zweizahl). Entsprechend gibt es zwei zusätzliche Personalpronomen: أنتما („ihr beide“) und هما („die beiden“). Bei der Verbkonjugation werden daraus sogar drei zusätzliche Formen, da man in der dritten Person dual zwischen weiblich und männlich unterscheidet:

ArabischTranskriptionDeutsch
ذَهَبَا إِلَى البَيْتِḏahabā ilā l-baytiDie beiden gingen nach Hause (männlich)
ذَهَبَتا إِلَى البَيْتِḏahabatā ilā l-bayti
Die beiden gingen nach Hause (weiblich)
ذَهَبتُما إِلَى البَيْتِḏahabtumā ilā l-baytiIhr beide gingt nach Hause

Weitere Besonderheiten: Auf Arabisch gibt es kein Neutrum. Außerdem gibt es in der 2. Person Singular („du“) gibt es maskuline und feminine Formen und in der zweiten und dritten Person Plural gibt es sowohl eine männliche als auch eine weibliche Form.

ArabischTranskriptionDeutsch
ذَهَبْتُمْ إِلَى البَيْتِḏahabtum ilā l-baytiIhr gingt nach Hause (männlich / gemischt)
ذَهَبْتُنَّ إِلَى البَيْتِḏahabtunna ilā l-baytiIhr gingt nach Hause (weiblich)
ذَهَبُوا إِلَى البَيْتِḏahabū ilā l-baytiSie gingen nach Hause (männlich / gemischt)
ذَهَبْنَ إِلَى البَيْتِḏahabna ilā l-baytiSie gingen nach Hause (weiblich)

Eine weitere Grammatikregel bei arabischen Verben betrifft Pluralformen, wenn es nicht um Menschen geht (also Dinge, Tiere, abstrakte Begriffe). Für diese Plurale verwendet man bei Verben und Adjektiven die weibliche Singularform.

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8) Vokale entscheiden über Aktiv oder Passiv

Im Deutschen bildet man Passiv meist mit „werden“. Im Arabischen wird die Passivform direkt am Verb markiert, und zwar über über die Vokale.

ArabischTranskriptionDeutsch
كَتَبَ الرِّسَالَةَkataba r-risālataEr schrieb den Brief
كُتِبَتِ الرِّسَالَةُkutibat ar-risālatuDer Brief wurde geschrieben

In unvokalisierten Texten (also ohne die kleinen Vokalzeichen) sehen beide Formen oft كتب gleich aus. Als Leser muss ich dann aus dem Kontext herleiten, ob Aktiv oder Passiv gemeint ist.

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9) Gibt es einen arabischen Konjuktiv?

Der Konjuktiv ist einer der Punkte, die beim Übersetzen zwischen Deutsch und Arabisch besonders viel Aufmerksamkeit erfordert. Das Arabische kennt zwar verschiedene Modi wie einen „Konjunktiv“ und den „Apokopat“. Allerdings sind diese Modi nicht deckungsgleich mit dem deutschen Konjunktiv I und II, sondern werden durch bestimmte Partikel ausgelöst und können nicht für indirekte Rede, höfliche Distanz oder Irrealis verwendet werden. Für den Irrealis gibt es im Arabischen das Partikel „لو“. Indirekte Rede wird im Arabischen dagegen durch die Voranstellung von „إن“ angezeigt. Für das Übersetzen Arabisch<>Deutsch heißt das, dass ich ganz genau hinsehen muss, wo ich im Deutschen den Konjunktiv verwende und wo nicht.

ArabischTranskriptionDeutsch
يُرِيدُ أَنْ يَذْهَبَ إِلَى البَيْتِyurīdu ʾan yaḏhaba ilā l-baytiEr will nach Hause gehen
لَمْ يَذْهَبْ إِلَى البَيْتِlam yaḏhab ilā l-baytiEr ging nicht nach Hause
قَالَ إِنَّهُ ذَهَبَ إِلَى البَيْتِqāla ʾinnahu ḏahaba ilā l-baytiEr sagte, dass er nach Hause gegangen sei

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