Neun Besonderheiten arabischer Verben
Als ich angefangen habe, Arabisch zu lernen, war das Verb eine der größten Herausforderungen: neue Konjugationsformen wie Dual und femininer Plural, erstaunlich wenige Zeitformen, ungewohnte Wortstellung und vor allem ein umfangreiches System an Verbalstämmen. Das kann beim Arabischlernen ganz schön verwirrend sein. Ein Überblick über neun Besonderheiten des arabischen Verbs.
Inhaltsüberblick
1) Warum steht im Wörterbuch nicht „gehen“, sondern „er ging“?
Im Deutschen schlägt man Verben im Infinitiv nach: gehen, schreiben, lesen. In arabischen Lexika steht am Anfang eines Eintrags dagegen stets die 3. Person Singular Maskulinum in der Vergangenheitsform: „er ging“, „er schrieb“ usw. Das liegt vermutlich daran, dass man in dieser Form die drei Wurzelkonsonanten der Verben klar erkennt. Beispiele:
| Arabisch | Transkription | Deutsch |
|---|---|---|
| ذَهَبَ | ḏahaba | er ging |
| يَذْهَبُ | yaḏhabu | er geht |
2) Implizierte Pronomen und die Höflichkeitsform
Für viele arabische Sätze benötigt man kein eigenes Personalpronomen. Person und Zahl – und meist auch das Geschlecht – sind bereits in der Verbform markiert. Beispiel: تَكْتُبِينَ bedeutet „du schreibst“ in der weiblichen Form. Wenn man das Personalpronomen trotzdem nennt, soll dieses meist besonders betont werden.
Man kann übrigens sogar einen ganzen Satz in einem Wort bilden, wenn man noch ein sogenanntes Personalsuffix anhängt, das die Rolle des Objekts übernimmt: تكتبه bedeutet „du schreibst es“.
Eine andere Frage, die mir im Zusammenhang mit den Personalpronomen und der Verbkonjugation vor allem bei Übersetzungen aus dem Deutschen ins Arabische oft begegnet, ist die nach der Höflichkeitsform: Wie setzt man das deutsche „Sie“ auf Arabisch um? Im modernen Hocharabisch gibt es kein festes Siezen wie im Deutschen. Höflichkeit wird häufig über Anredeformen und Titel hergestellt, zum Beispiel durch die Voranstellung von Anredeformen wie حضرة oder أستاذ. In manchen Kontexten kann auch die 2. Person Plural als respektvolle Anrede verwendet werden.
3) Wurzeln, Modellstrukturen und Verbalstämme
Das System der Verbalstämme gehört zu den wichtigsten Strukturprinzipien des Arabischen. Vereinfacht erklärt bedeutet das: Die meisten arabischen Wörter beruhen auf drei Konsonanten. Durch unterschiedliche „Bauformen“, sogenannte Modellstrukturen, können aus diesen drei Wurzelkonsonanten bestimmte grammatikalische Formen entstehen.
Beispiel: Aus der Wurzel kh-r-j (خ ر ج) können Wörter wie makhraj („Ausgang“) oder khārij („extern“, „Ausland“) gebildet werden.
Bei Verben gibt es das System der Verbalstämme, die in Grammatiken mit den römischen Ziffern I bis X markiert werden. Man kann daher nach festgelegten Mustern aus einer Grundform bis zu zehn unterschiedliche Stämme bilden, die jeweils eigene Bedeutungen tragen, aber oft inhaltlich einem verwandten Wortfeld zugehören.
Oft haben die einzelnen Stämme auch eine typische Bedeutungsrichtung. Die Bildung der Stämme geschieht zum Beispiel über Einschübe von langen Vokalen oder Konsonanten oder durch Vorsilben. Wenn man das System einmal verstanden hat, kann man sich sehr viele arabische Wörter leichter erschließen.
Ein Beispiel ist die Wurzel k-t-b rund um die Bedeutung „schreiben“:
| Arabisch | Transkription | Deutsch |
|---|---|---|
| كَتَبَ | kataba | er schrieb |
| كَاتَبَ | kātaba | er korrespondierte mit jemandem |
4) Nur zwei Zeitformen?
Das Arabische arbeitet im Kern mit zwei großen grammatikalischen Zeitformen. Die Perfektform dient zur Beschreibung abgeschlossener Handlungen; die Imperfektform wird für nicht abgeschlossene Handlungen verwendet und kann durch eine Vorsilbe auch die Zukunft markieren.
Vieles, was im Deutschen über mehrere Zeitformen verteilt ist, entsteht im Arabischen über Kontext, kleine Zusatzwörter und bestimmte Konstruktionen.
Am Beispiel des Verbs ذهب („gehen“) sieht man das gut:
| Arabisch | Transkription | Deutsch |
|---|---|---|
| ذَهَبَ إِلَى البَيْتِ | ḏahaba ilā l-bayti | Er ging nach Hause. |
| يَذْهَبُ إِلَى البَيْتِ كُلَّ يَوْمٍ | yaḏhabu ilā l-bayti kulla yawmin | Er geht jeden Tag nach Hause. |
| يَذْهَبُ الآنَ إِلَى البَيْتِ | yaḏhabu al-ʾāna ilā l-bayti | Er geht gerade nach Hause. |
| سَيَذْهَبُ إِلَى البَيْتِ غَدًا | sayaḏhabu ilā l-bayti ġadan | Er wird morgen nach Hause gehen. |
| كَانَ يَذْهَبُ إِلَى البَيْتِ كُلَّ يَوْمٍ | kāna yaḏhabu ilā l-bayti kulla yawmin | Früher ging er jeden Tag nach Hause. |
5) Ungewohnte Wortstellung und Kongruenzregeln
Im Deutschen ist die Reihenfolge „Subjekt – Prädikat – Objekt“ (SVO) für den Satzbau typisch: „Der Mann schrieb den Brief.“ Im modernen Hocharabischen ist häufig die Reihenfolge Verb – Subjekt – Objekt üblich. SVO ist ebenfalls möglich, vor allem wenn das Subjekt hervorgehoben werden soll. Zunehmend setzt sich die Wortstellung SVO auch in arabischen Texten durch.
Eine weitere Besonderheit, die am Anfang irritieren kann: Wenn das Verb am Satzanfang steht und das Subjekt danach kommt, bleibt das Verb im Singular, auch wenn das Subjekt im Plural steht. Steht das Subjekt zuerst, passt sich das Verb dagegen vollständig an.
Außerdem muss man bei der Verbkonjugation in der dritten Person Plural darauf achten, ob es sich um Menschen handelt oder nicht. Wenn es nicht um Menschen geht, also um Dinge, Tiere oder abstrakte Begriffe, verwendet man bei Verben und Adjektiven die weibliche Singularform.
| Arabisch | Transkription | Deutsch |
|---|---|---|
| ذَهَبَ الرِّجَالُ إِلَى البَيْتِ | ḏahaba r-riǧālu ilā l-bayti | Die Männer gingen nach Hause (wörtlich: „ging die Männer …“). |
| الرِّجَالُ ذَهَبُوا إِلَى البَيْتِ | ar-riǧālu ḏahabū ilā l-bayti | Die Männer gingen nach Hause. |
6) Nominalstil ist guter Stil
Während Nominalstil im Deutschen als schwerfällig und typisch für umständliche Behördensprache gilt, ist das arabische Verbalsubstantiv, der sogenannte Maṣdar, dagegen ein gutes Stilmittel und wird gerne verwendet.
Für Übersetzungen bedeutet das: Im Deutschen wirkt es häufig natürlicher, wenn man solche Nominalformen wieder als Verb formuliert. Beispiel:
| Arabisch | Transkription | Deutsch |
|---|---|---|
| الذَّهَابُ إِلَى البَيْتِ سَهْلٌ | aḏ-ḏahābu ilā l-bayti sahlun | Das Nach-Hause-Gehen ist leicht. |
| لَهُ رَغْبَةٌ فِي الذَّهَابِ | lahu raġbatun fī aḏ-ḏahābi | Er möchte gehen. |
7) Konjugation mit Dual und femininem Plural
Neben Singular und Plural kennt das Arabische bei Nomen und Verben den Dual, also die Zweizahl. Entsprechend gibt es zwei zusätzliche Personalpronomen für die zweite und dritte Person Dual: أنتما („ihr beide“) und هما („die beiden“).
Bei der Verbkonjugation werden daraus sogar drei zusätzliche Formen, da man in der dritten Person Dual zwischen weiblich und männlich unterscheidet:
| Arabisch | Transkription | Deutsch |
|---|---|---|
| ذَهَبَا إِلَى البَيْتِ | ḏahabā ilā l-bayti | Die beiden gingen nach Hause (männlich). |
| ذَهَبَتا إِلَى البَيْتِ | ḏahabatā ilā l-bayti | Die beiden gingen nach Hause (weiblich). |
| ذَهَبتُما إِلَى البَيْتِ | ḏahabtumā ilā l-bayti | Ihr beide gingt nach Hause. |
Weitere Besonderheiten: Auf Arabisch gibt es kein Neutrum. Außerdem gibt es in der 2. Person Singular („du“) jeweils eine maskuline und eine feminine Form. In der zweiten und dritten Person Plural gibt es sowohl eine männliche als auch eine weibliche Form.
| Arabisch | Transkription | Deutsch |
|---|---|---|
| ذَهَبْتُمْ إِلَى البَيْتِ | ḏahabtum ilā l-bayti | Ihr gingt nach Hause (männlich oder gemischt). |
| ذَهَبْتُنَّ إِلَى البَيْتِ | ḏahabtunna ilā l-bayti | Ihr gingt nach Hause (weiblich). |
| ذَهَبُوا إِلَى البَيْتِ | ḏahabū ilā l-bayti | Sie gingen nach Hause (männlich oder gemischt). |
| ذَهَبْنَ إِلَى البَيْتِ | ḏahabna ilā l-bayti | Sie gingen nach Hause (weiblich). |
8) Vokale entscheiden über Aktiv oder Passiv
Im Deutschen bildet man das Passiv meist mit „werden“. Im Arabischen wird die Passivform direkt am Verb markiert. Dabei ändern sich allein die Vokale. Beispiel:
| Arabisch | Transkription | Deutsch |
|---|---|---|
| كَتَبَ الرِّسَالَةَ | kataba r-risālata | Er schrieb den Brief. |
| كُتِبَتِ الرِّسَالَةُ | kutibat ar-risālatu | Der Brief wurde geschrieben. |
Übrigens: In unvokalisierten Texten, also ohne die kleinen Vokalzeichen, sehen beide Formen oft gleich aus: كتب. Als Leser muss man dann aus dem Kontext herleiten, ob Aktiv oder Passiv gemeint ist.
9) Gibt es einen arabischen Konjunktiv?
Der Konjunktiv ist einer der Punkte, die beim Übersetzen zwischen Deutsch und Arabisch besonders viel Aufmerksamkeit erfordern. Das Arabische kennt zwar verschiedene Modi wie einen „Konjunktiv“ und den „Apokopat“. Allerdings haben diese Formen wenig mit dem uns bekannten Konjunktiv I und II zu tun, sondern werden durch bestimmte Partikeln ausgelöst und können nicht für indirekte Rede, höfliche Distanz oder den Irrealis verwendet werden.
Für den Irrealis gibt es im Arabischen die Partikel لو. Indirekte Rede kann im Arabischen dagegen durch die Voranstellung von إن angezeigt werden, ist aber in manchen Texten nicht ganz so einfach zu erkennen. Für das Übersetzen Arabisch – Deutsch heißt das, dass man ganz genau hinsehen muss, wo man im Deutschen den Konjunktiv verwendet und wo nicht.
| Arabisch | Transkription | Deutsch |
|---|---|---|
| يُرِيدُ أَنْ يَذْهَبَ إِلَى البَيْتِ | yurīdu ʾan yaḏhaba ilā l-bayti | Er will nach Hause gehen. |
| لَمْ يَذْهَبْ إِلَى البَيْتِ | lam yaḏhab ilā l-bayti | Er ging nicht nach Hause. |
| قَالَ إِنَّهُ ذَهَبَ إِلَى البَيْتِ | qāla ʾinnahu ḏahaba ilā l-bayti | Er sagte, dass er nach Hause gegangen sei. |
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